Review zu "Treasure Island"

Die deutschen Entwickler Radon Labs haben sich eine sehr bekannte Vorlage für ihr aktuelles Adventure genommen, nämlich den Abenteuerroman „Die Schatzinsel“ von Robert L. Stevenson, ein weltberühmtes Werk, das wohl jeder kennen dürfte. Zweifelsohne bietet eine derartige Piratengeschichte eine tolle Grundlage für ein spannendes Adventurespiel. Ob die Entwickler das Potential des Abenteuerromans aber auch wirklich voll im Spiel umsetzen konnten, wird dieses Review aufzeigen. Freigegeben ist das Spiel übrigens ab 6 Jahren (USK), allerdings folgt später noch ein genauerer Hinweis zu dieser Altersfreigabe.

Verpackung, Handbuch und Installation

Das Spiel kommt in einem Karton mit Klappdeckel, welcher eine DVD-Box mit der Spiel-DVD und dem Handbuch beinhaltet. Das ausführliche und schön bebilderte Handbuch vermittelt auf etwa 25 Seiten alle wichtigen Informationen zum Spiel, darunter auch eine Vorstellung der wichtigsten Charaktere und eine Lösungshilfe für das erste Kapitel. Bei den Systemanforderungen wird ein System mit 3GHz @ 2GB RAM und einer nVidia GForce 6800 (oder vergleichbaren) Grafikkarte empfohlen, um das Spiel in optimaler Qualität spielen zu können. Die Installation verlief problemlos und so wurden rund 2,13GB an Daten auf die Festplatte übertragen. In den Spieloptionen können neben den diversen Lautstärken und der Hotspot-Hilfe noch die Grafik-Auflösung und der Detailgrad jeweils in drei Stufen eingestellt werden. Auf einem System im Bereich knapp unter den angegebenen Systemanforderungen lief das Spiel dann bei höchsten Grafikeinstellungen tatsächlich auch absolut einwandfrei. Mittlerweile ist auch schon ein Patch für das Spiel erschienen, wobei sich dieses Review auf die ungepatchte Version des Spieles bezieht, die übrigens keinerlei technische Probleme zeigte.

Story und Rätsel

Entsprechend der Romanvorlage wird die Geschichte des 17-jährigen Jim Hawkins erzählt, der nach dem frühen Tod seiner Eltern deren Gasthaus übernehmen und alleine führen muss. Eines Tages bezieht ein alter Pirat namens Bill Bones Quartier im Gasthaus, offensichtlich auf der Flucht vor jemandem und in der Hoffnung, hier nicht entdeckt zu werden. Bald stellt sich heraus, dass Bones die geheimnisvolle Karte zu Käpt´n Flints Schatz hat, was Jim mitbekommt, als er ein Gespräch belauscht. So dauert es auch nicht lange, bis Bill Bones gefunden wird und mit seinem Leben dafür bezahlt, dass er die Schatzkarte gestohlen hat. Noch bevor aber die Piraten das Gasthaus durchsuchen können, findet Jim die Schatzkarte in Bone´s Zimmer, nimmt sie an sich und beschließt, zusammen mit Friedensrichter Trelawny, dessen Tochter Antoinette, Dr. Livsey und Kapitän Smollet selber auf Schatzsuche zu gehen. Dazu benötigen sie zunächst aber eine Mannschaft für ihr stolzes Schiff, die Hispaniola. Zum Anheuern der Crew geraten sie an den verschlagenen Long John Silver, nicht ahnend, dass dieser später eine Meuterei anzetteln wird, um sich selber an den Schatz heranzumachen …


Grundsätzlich ist die Handlung sicherlich spannend, jedoch kann das Spiel das Potential der Romanvorlage nicht voll ausschöpfen. Dazu schreitet die Handlung innerhalb der insgesamt 6 Kapitel im Spiel viel zu schnell voran, sodass man eigentlich gar keine Gelegenheit hat, richtig tief in die Geschichte einzutauchen. Erschwerend kommt hinzu, dass das Adventure eindeutig zu wenige Rätsel bzw. Aufgaben bietet und zudem sind die wenigen enthaltenen Rätsel (zumeist Inventar- oder Dialogrätsel) ausgesprochen einfach. Generell werden auch viele Passagen nur in Form von Zwischensequenzen gezeigt, in denen es keinerlei Interaktionsmöglichkeiten für den Spieler gibt. Dadurch ergibt sich eine magere Spieldauer von nur 5 bis 7 Stunden, was für ein „vollwertiges“ Spiel einfach nicht ausreichend ist. An dieser Stelle auch noch ein kurzer Hinweis zur Altersfreigabe. Natürlich gibt es in einem Piratenabenteuer auch Mord- und Totschlag, was an mancher Stelle im Spiel auch so gezeigt wird (z.B. eine am Mast des Schiffes baumelnde Leiche). Das ist nicht weiter überraschend, allerdings stellt sich hier die Frage, ob eine Altersfreigabe ab 6 Jahren wirklich angemessen ist oder nicht doch USK12 sinnvoller gewesen wäre?

Grafik, Sound und Sprachausgabe

Ganz offensichtlich haben die Entwickler den Schwerpunkt für das Spiel auf die grafische Gestaltung gelegt, dabei aber – wie zuvor schon erwähnt - leider die Story und Rätsel etwas aus den Augen verloren. Aber an dieser Stelle geht es jetzt um die Grafik und die ist einfach atemberaubend schön, zumindest wenn man das Spiel in den höchsten Grafikeinstellungen betreiben kann. Unglaublich, wie viele Details und Animationen in die teils sehr farbenfroh gestalteten 3D-Locations eingearbeitet wurden. Über die sechs Kapitel hinweg ergeben sich sehr unterschiedliche Locations in einem Dorf, einer Stadt, auf einem Schiff und zuletzt natürlich auf der Schatzinsel selber, die allesamt in ihrer Umsetzung voll überzeugen. Die Handlung wird an vielen Stellen durch die teils sehr umfangreichen Zwischensequenzen vorangetrieben. Es handelt sich dabei allerdings nicht um vorgerenderte Videos, sondern auch voll in der 3D-Engine umgesetzte Sequenzen, die sich entsprechend optisch natürlich perfekt in den Spielverlauf einfügen. Die Animation der Charaktere ist grundsätzlich auch sehr gut gelungen, wäre da nicht die Lippensynchronität oder besser gesagt, die einfach nicht vorhandene Lippensynchronität. Das trübt das Gesamtbild stark, da die Sprache und Mundbewegungen extrem voneinander abweichen. Oftmals bewegt sich sogar noch der Mund, obwohl überhaupt nicht mehr gesprochen wird, was einfach lächerlich aussieht. Darüber können die qualitativ eigentlich sehr guten, nur an mancher Stelle etwas abgeschnittenen, Sprachausgaben leider auch nicht hinweg trösten. Besser präsentiert sich das Spiel da in Bezug auf die Musik, die sehr abwechslungsreich und stimmig ist.


Gameplay

Gesteuert wird das Spiel aus der 3rd-Person-Perspektive mit einer sehr komfortablen und einsteigerfreundlichen Point&Click-Steuerung. Es kann durch einen Doppelklick sogar gelaufen oder eine Location schnell verlassen werden. Das Inventar befindet sich am unteren Bildschirmrand und jedes Objekt darin kann in einer 3D-Ansicht mit Zoom und Rotation genauer untersucht werden. Bewegt sich der Mauszeiger über einen Hotspot, so wird die Bezeichnung dafür angezeigt. Allerdings gibt es hier einen kleinen Fehler, der an mancher Stelle etwas störend sein kann. Wenn man den Mauscursor über einen neuen Hotspot bewegt, so wird kurz der Name des zuvor aktiven Hotspots angezeigt, was den Eindruck erweckt, zwei nahe aneinander liegende Hotspots gefunden zu haben, dem aber natürlich nicht so ist. Wer ohnehin nicht gerne nach Hotspots sucht, der kann gleich die (optionale) Hotspot-Taste verwenden, die alle Hotspots an einer Location anzeigt. Alles was Jim erlebt hat und welche Aufgaben anstehen, wird automatisch in einem Notizbuch mitgeschrieben. Da die Aufgaben und Rätsel jedoch sehr überschaubar sind, wird man kaum darauf zurückgreifen müssen. Die wenigen Aufgaben sind mitunter auch ein Grund, warum man im Spiel angenehm wenig Laufarbeit absolvieren muss. Positiv zu erwähnen ist auch das vorbildliche Speicher- und Lademenü. Die Spielstände werden automatisch abgelegt und beschriftet, wobei der letzte Spielstand immer oben steht. Auch eine Autosave-Funktion ist im Spiel vorgesehen, die allerdings nicht direkt zum Einsatz kam, da es im Spiel keine Game-Overs gab und weil das Spiel technisch absolut einwandfrei lief.


Zusammenfassung

Die Romanvorlage für das Spiel bietet eigentlich sehr viel Potential für ein tolles Piratenabenteuer, was für dieses Spiel aber leider nicht voll ausgeschöpft wurde. Trotzdem bleibt „Treasure Island“ ein spannendes Adventure, wenngleich es durch wenige und zudem sehr einfache Rätsel nur eine relativ kurze Spieldauer von etwa 5-7 Stunden bietet. Offensichtlich haben die Entwickler den Schwerpunkt auf die Grafik gelegt und dabei eben Story und Rätsel etwas aus den Augen verloren. Entsprechend glänzt die komplette 3D-Grafik umso mehr. Unglaublich, wie viele Details und Hintergrundanimationen hier integriert wurden und die Spielwelt zum Leben erwecken. Nur schade, dass die Entwickler bei der Animation der Charaktere keinen Wert auf Lippensynchronität gelegt haben. Dadurch wirkt das Spiel stellenweise fast lächerlich und auch die ansich einwandfreien Sprachausgaben kommen so nicht voll zur Geltung. Dafür aber ist die abwechslungsreiche Musik im Spiel sehr stimmig und unterstützt die Atmosphäre. Obwohl das Spiel im Prinzip nicht schlecht ist, kann es nur eingeschränkt empfohlen werden, da einfach die Spieldauer enttäuschend kurz ist. Wer dies aber in Kauf nimmt und Lust auf ein kurzweiliges Piratenabenteuer ohne großartigen Tiefgang hat, der sollte sich mitunter an den wunderschönen 3D-Grafiken dieses Spieles durchaus erfreuen.

Spiel-Datenblatt / Game-Datasheet

Entwickler/Developer Radon Labs
Publisher HMH Games
Plattform/Platform PC (DVD)
Perspektive/Perspective 3rd-Person
Steuerung/Control Point&Click
Altersfreigabe/Rating USK6
Anmerkungen/Remarks