Review zu "Gray Matter"

Durch die Gabriel-Knight-Reihe ist Jane Jensen sicherlich eine der bekanntesten Persönlichkeiten in der Adventureszene, wodurch ihr neuestes Werk Gray Matter natürlich mit viel Spannung erwartet wurde. Nach mehreren Jahren Entwicklungszeit wurde das klassische Point&Click-Adventure im deutschsprachigen Raum vom Publisher dtp Entertainment nun gleich als zweisprachige Version (deutsch und englisch) veröffentlicht. Die Story des laut USK ab 12 Jahren freigegebenen Mystery-Thrillers dreht sich um das interessante Thema Parapsychologie.

Verpackung, Handbuch und Installation

Gray Matter kommt in einem ansprechend gestaltetem Karton mit Klappdeckel, der eine DVD-Box mit der Spiel-DVD und dem gedruckten Handbuch beinhaltet. Letzteres vermittelt nach einleitenden Worten von Jane Jensen auf knapp 40 Seiten sehr ausführlich alle wichtigen Infos zum Spiel und zur Steuerung. Es empfiehlt sich, das Handbuch durchzugehen, insbesondere den Abschnitt mit dem Zauber-Interface. Die anderen, grundlegenden Steuerungsfunktionen im Spiel vermittelt dann sehr gut auch das optionale Tutorial, das man am Anfang des Spieles nutzen kann. Die Installation des Spieles verlief problemlos und es fanden stolze 5,39GB den Weg auf die Festplatte. Für die Einstellung der Grafikengine und die Auswahl der Sprache muss das Konfigurationstool außerhalb des Spieles verwendet werden. Dort lassen sich diverse Parameter wie Auflösung, Vollbildmodus, Schatten, Spiegelungen oder das Rendering einstellen. Weitere Einstellungen lassen sich dann in den Optionen im Spiel selber vornehmen, darunter die drei verschiedenen Lautstärken, Helligkeit, Kontrast, Untertitel und die Steuerung.

Story und Rätsel

Die Story beginnt damit, dass die Amerikanerin Samantha Everett irgendwo auf einer Landstraße zwischen Oxford und London eine Motorradpanne hat. In der Dunkelheit und bei strömendem Regen erreicht sie das abgelegene Anwesen namens Dread Hill, wo zum Glück noch Licht brennt. Schon ganz nah am Haus beobachtet sie eine junge Frau, die sich offensichtlich gerade als neue Assistentin von Dr. Styles, wohl dem Besitzer des Anwesens, vorstellen möchte. Allerdings lässt ein mysteriöser Zwischenfall die junge Frau verschwinden und Samantha wittert die Chance, sich selber als die neue Assistentin auszugeben und so Unterschlupf für zumindest eine Nacht zu bekommen. Als Zauberin, die sich bei ihren Reisen durch Europa mit Gelegenheitsjobs über Wasser hält, täuscht sie gekonnt die Haushälterin und erlangt somit Einlass in das Anwesen. Im komfortablen Bett gut ausgeschlafen möchte Samantha sich am nächsten Morgen heimlich aus dem Staub machen, wird aber von der fürsorglichen Haushälterin mit einem reichhaltigen Frühstück überrascht. Samantha findet Gefallen an der Situation und beschließt - nicht zuletzt aufgrund der angekündigten, guten Bezahlung als Assistentin – im Haus zu bleiben und sich weiterhin als Assistentin auszugeben. Der etwas eigenartige Dr. Styles gibt seine Anweisungen zunächst nur in schriftlicher Form und ohne persönlichen Kontakt an seine Assistentin weiter. Ihre erste Aufgabe soll es sein, mehrere Studenten für ein Experiment zu finden. Samantha macht sich gleich auf den Weg nach Oxford, wo sie sich als neue Studentin ausgibt und bald auch erste Kontakte knüpfen kann. Offensichtlich halten viele der älteren Studenten den Neurobiologen Dr. Styles aber für eigenartig, da er sich nach dem tragischen Tod seiner Frau bei einem Verkehrsunfall komplett zurückgezogen hat und seither an seltsamen Experimenten arbeiten soll. Samantha schafft es trotzdem, teilweise durch Anwendung ihrer Tricks als Zauberin, mehrere junge Studenten für das Experiment zu gewinnen, das auch am gleichen Abend noch stattfindet. Angeblich will Dr. Styles untersuchen, wie sich nur die Vorstellung von körperlichen Aktivitäten physisch auf den Körper auswirkt. Die Studenten müssen sich dazu nur hinlegen und gedanklich auf die örtliche Sportanlage versetzen, um dort zu laufen. Es verläuft alles eher unspektakulär, als aber am nächsten Morgen die Sportanlage verwüstet vorgefunden wird und der Platzwart von einem mysteriösen Ereignis berichtet, nehmen seltsame Dinge ihren Lauf. Auch weitere Experimente mit den Studenten wirken sich auf die Realität aus. Möchte jemand die Experimente sabotieren und Dr. Styles in Schwierigkeiten bringen oder sind doch höhere Kräfte im Spiel …

In Gray Matter erlebt der Spieler einen hochspannenden und zugleich tiefgehenden Mystery-Thriller in einer erzählerischen Qualität, wie man sie nur sehr selten in Adventurespielen findet. Der Name Jane Jensen steht diesbezüglich wirklich für höchstes Niveau, wie dieser Titel eindrucksvoll bestätigt. Geschickt vermischt sie wissenschaftliche Fakten mit einer spannenden Mystery-Geschichte, die nicht zuletzt durch ihre gut ausgeprägten Charaktere überzeugt. Die Handlung teilt sich in insgesamt 8 Kapitel und nimmt zunächst erst langsam Fahrt auf, um im sich in der wendungsreichen zweiten Hälfte dann voll zu entfalten. Leider genügt das Spiel aber rätseltechnisch und besonders hinsichtlich des Spielaufbaus nicht diesem hohen Niveau. Oftmals muss man mehrfach durch die verschiedenen Locations wandern, um mit einer oftmals nur kleinen Aktion das nächste Ereignis oder die nächsten Interaktionsmöglichkeiten zu triggern. Natürlich ist das im Kern mitunter ein Teil des Spielprinzips eines Adventures, allerdings muss für den Spieler nachvollziehbar und abschätzbar sein, welche Aktionen für die nächsten Schritte nötig sind. Dies ist in Gray Matter leider aber oftmals nicht der Fall und so wird die Spielzeit unnötig gestreckt. Wesentlich schlimmer daran ist aber die Tatsache, dass unter solchen Phasen der fast planlosen Suche nach Interaktionsmöglichkeiten die Spannung und Atmosphäre leiden. Die Rätsel im Spiel bewegen sich bezüglich der Schwierigkeit im mittleren Bereich und wirklich harte Nüsse gibt es für den Spieler nicht zu knacken. Eine kleine Besonderheit ist das Zauber-Interface, über welches man mit Samantha diverse Tricks zum Lösen von Aufgaben gezielt vorbereiten muss. Nicht immer sind die nötigen Abläufe sofort nachvollziehbar, aber ein Buch mit den Zauberanleitungen oder im schlimmsten Fall das Trial&Error-Verfahren helfen da. Trotz diverser Schwächen im Spielaufbau bleibt Gray Matter inhaltlich ein hervorragendes Adventure, das über eine Spieldauer von ca. 16-18 Stunden spannende Unterhaltung bietet.

Grafik, Sound und Sprachausgabe

Grafisch überzeugt das Spiel besonders durch die detailreich gestalteten und malerischen Hintergründe, die durch diverse Hintergrundanimationen noch etwas aufgewertet werden. An manchen Locations, besonders in der Stadt und auf dem Campus, wären jedoch wesentlich mehr Personen im Hintergrund angebracht gewesen, um diese Orte etwas belebter wirken zu lassen. Die grundlegenden Charakteranimationen sind gut gelungen, besonders Samantha hat einen ganz charakteristischen Gang und Hüftschwung. Erweiterte Bewegungsabläufe sind dann nicht mehr ganz so detailreich, aber trotzdem ansprechend animiert. Wirklich störend hingegen ist allerdings die Tatsache, dass besonders auf dunkleren Hintergründen die Charaktere immer wieder von helleren Pixeln umgeben sind, wodurch die Charaktere nicht optimal mit den Hintergründen verschmelzen. Hier wäre dringend noch Feinarbeit angebracht gewesen. Aufgelockert wird der Spielverlauf durch zahlreiche Zwischensequenzen, die zudem natürlich auch die Story vorantreiben. Anders als in vielen aktuellen Adventurespielen, sind diese Zwischensequenzen nicht voll animiert, sondern bestehen aus nur teilanimierten Sequenzen von handgemalten Bildern, die aber ihren eigenen Stil haben. Oftmals weichen die Darstellungen der Locations und Charaktere etwas von der Spielumgebung ab, aber trotzdem gefallen diese Sequenzen gut. Einen wesentlichen Beitrag zum sehr guten Gesamteindruck des Spieles leisten auch die tolle Hintergrundmusik und die hervorragenden Sprachausgaben. Musikalisch bietet das Spiel neben Songs der Gruppe „The Scarlet Furies“ auch verschiedene instrumentale Themen, die teilweise an die Gabriel-Knight-Spiele erinnern. Die großartigen Dialoge werden durch sehr gute Sprecher noch zusätzlich aufgewertet und es empfiehlt sich durchaus, das Spiel auch mal in der englischen Version zu spielen, um zu erleben, wie viel die Sprachausgaben zur Wirkung von Charakteren beitragen können. Während der Dialoge wird im unteren Bildschirmbereich eine Großaufnahme des Kopfes der jeweils sprechenden Person eingeblendet und dort zeigt sich eine sehr gute Lippensynchronität, wobei das restliche Gesicht jedoch leider etwas ausdruckslos wirkt. Bezüglich der Grafik im Allgemeinen sei hier noch kurz angemerkt, dass das Spiel im Zuge dieses Testes auf Task-Wechsel mit massiven Grafikfehlern reagierte und danach neu gestartet werden musste. Dies ist aber kein wirkliches Problem und eventuell auch nur systemspezifisch.


Gameplay

Um die Geschichte aus verschiedenen Blickrichtungen zu erleben, können über die Kapitel abwechselnd Samantha oder Dr. Styles gespielt werden. Gesteuert werden die Charaktere über ein reines Point&Click-Interface, das im Prinzip auch ganz komfortabel gestaltet ist. Lediglich das Kombinieren von Gegenständen innerhalb des Inventars geht nicht direkt via Drag&Drop, sondern über einen minimalen Umweg durch vorheriges Aufnehmen des Gegenstandes mit Rechtsklick. Ergänzend zur Maussteuerung gibt es noch drei Tasten für die Fortschrittsanzeige (P), die Kartenfunktion (M) und die Hotspot-Anzeige (Leertaste). Die integrierte Fortschrittsanzeige ist ein nettes Feature, über das man sich anzeigen lassen kann, wieviel Prozent der einzelnen Aufgabenstränge innerhalb des aktuellen Kapitels man bereits gelöst hat. Dies ist durchaus hilfreich, wenn man mal aus den Augen verloren hat, welche Aufgaben noch zu erledigen sind. Zusätzlich zu den für das Beenden des Spiels zu lösenden Rätseln gibt es auch noch Bonusrätsel, deren Lösung optional ist. Der Bonus dabei sind aber die Rätsel selber, es gibt also in diesem Sinne kein Bonusmaterial, das man am Ende des Spieles dadurch freigeschalten bekommt. Über die Kartenfunktion kann man sich komfortabel und schnell an verschiedene Handlungsorte begeben. Zusätzlich wird in der Karte farblich gekennzeichnet, an welchen Locations es noch Aufgaben zu lösen gibt und an welchen Locations man bereits alle (im Moment) möglichen Aktionen abgeschlossen hat. Der aktuelle Spielstand kann über ein komfortables Speicher- und Lademenü gesichert werden, allerdings stehen insgesamt nur 20 Speicherslots zur Verfügung, was nicht mehr ganz zeitgemäß ist. Abgesehen von den Grafikproblemen nach einem Task-Wechsel lief das Spiel technisch absolut einwandfrei.


Zusammenfassung

Gray Matter ist trotz mancher Schwächen im Spielaufbau ein sehr gutes Adventure, das insbesondere mit einer erzählerischen Qualität punktet, wie man sie nur sehr selten in Adventurespielen findet. Der Name Jane Jensen steht diesbezüglich zweifelsohne für höchstes Niveau, wie dieser Titel eindrucksvoll bestätigt. Der Mystery-Thriller behandelt mitunter das interessante Thema der Parapsychologie und bietet neben einer fesselnden Story auch ausgeprägte Charaktere und großartige Dialoge. Rätseltechnisch wird der Spieler mit bewährter Rätselkost und wenig Innovationen nur mäßig gefordert, aber die vorhandenen Rätsel betten sich gut in den Spielverlauf ein. Grafisch präsentiert sich das Spiel mit detailreichen und malerischen Hintergründen, auf denen sich ansprechend animierte Charaktere bewegen. Die zahlreichen Zwischensequenzen bestehen aus nur teilanimierten Bildfolgen, da aber durchaus zu gefallen verstehen. Musikalisch kann das Spiel mit Songs der Gruppe „The Scarlet Furies“ und stimmigen, instrumentalen Themen überzeugen. Auch die Sprachausgaben sind von sehr guter Qualität und werden den großartigen Dialogen gerecht. Das Spiel kann übrigens sowohl in deutscher Sprache, als auch in englischer Sprache gespielt werden. Technisch lief das Spiel einwandfrei, lediglich auf Task-Wechsel reagierte das Spiel beim Test mit massiven Grafikfehlern. Insgesamt bietet Gray Matter über eine Spieldauer von etwa 16-18 Stunden sehr gute Unterhaltung und kann uneingeschränkt empfohlen werden.

Spiel-Datenblatt / Game-Datasheet

Game Homepage Gray Matter
Publisher dtp Entertainment
Plattform/Platform PC (DVD)
Perspektive/Perspective 3rd-Person
Steuerung/Control Point&Click
Altersfreigabe/Rating USK12
Anmerkungen/Remarks zweisprachig (DE/EN)