Review zu "Casebook Episode 1 – Kidnapped"

Mit der Casebook-Reihe verfolgen die Entwickler Areo aus Neuseeland ein interessantes Konzept, bei dem ein FMV-Adventure (full motion video) und Casual-Game gekreuzt werden, wir nennen das jetzt einfach mal ein Casual-Adventure, also ein einfaches Adventure für Gelegenheitsspieler. Hauptaugenmerk liegt dabei sicherlich in der Erzählung von interessanten Kriminalfällen im Episodenformat, wie man dies auch aus diversen Fernsehserien kennt. In der ersten Episode der Reihe müssen zwei Kinder aus den Händen eines Kidnappers befreit und die Hintergründe bzw. Drahtzieher ausgeforscht werden.

Verpackung, Handbuch und Installation

Das Spiel kann auf der Casebook-Homepage derzeit nur als Download bezogen werden, darum entfallen hier die üblichen Hinweise zur Verpackung. Der Download für die erste Episode hat eine Größe von etwa 885MB. Durch die Ausführung des heruntergeladenen Installationsfiles werden dann ca. 975MB an Spieldaten auf die Festplatte installiert. Ein separates Handbuch in Form einer Datei ist nicht vorhanden, da alle wichtigen Infos später direkt im Spiel vermittelt werden bzw. über eine Hilfetaste dort aufgerufen werden können. Im sehr übersichtlichen Hauptmenü können über die Optionen die englischen Untertitel und die Empfindlichkeit der Maus (entspricht später auch der Drehgeschwindigkeit in der 1st-Person-Ansicht) eingestellt werden. Bevor man sich in seinen ersten richtigen Fall stürzen kann, muss über das Menü noch ein Spielerprofil angelegt werden, auf dem später automatisch der aktuelle Spielstand gespeichert wird. Diese Profile werden übrigens global angelegt und in den Folgeepisoden dann automatisch übernommen.

Story und Rätsel

In der Casebook-Reihe schlüpft der Spieler in die Rolle eines forensischen Ermittlers, der unter der Leitung von Detective James Burton bei der Aufklärung verschiedener Kriminalfälle mitwirkt. Im ersten Fall geht es entsprechend dem Titel der Episode um eine Entführung. Die beiden Kinder Harry und Greta der Birchermann-Familie wurden in der Nacht aus ihrem Kinderzimmer entführt. Ihr Verschwinden wird jedoch erst am nächsten Morgen durch die Haushälterin entdeckt, zusammen mit einer schriftlichen Lösegeldforderung über 3 Millionen. Im Kinderzimmer nehmen wir unsere Ermittlungen auf und schnell stoßen wir auf eine erste Spur. Der eigentliche Hauptcharakter in Casebook ist Detective James Burton, der uns als Ermittler mehr oder weniger klare Anweisungen gibt. Er ist es auch, der später die Gespräche mit den Zeugen und Verdächtigen führt, was wir eher passiv verfolgen müssen. Nur einmal gegen Ende der Geschichte fragt er uns, welche Gangart er bei seinem Verhör einschlagen soll, was sich dann in Form einer leichten Variation des anschließenden Videos niederschlägt, sonst aber keine Auswirkung auf den weiteren Handlungsverlauf nimmt. Grundsätzlich ist der Aufbau des Spieles sehr linear.

Unsere Aufgabe besteht hauptsächlich darin, die verschiedenen Locations genauestens zu untersuchen und diverse forensische Analysen der gefundenen Spuren durchzuführen. Das Aufsuchen der Spuren erfolgt ausschließlich mit Hilfe einer Kamera, über deren Sucher und Zoomfunktion die einzelnen Schauplätze genauestens abgesucht werden müssen. Hat man einen interessanten Gegenstand oder eine Spur gefunden, kann man abdrücken. Nicht ganz realistisch, da insbesondere DNA-Spuren ja wirklich vor Ort aufgenommen werden müssen und ein Bild dazu nicht ausreichend ist. Die Kamera bietet zudem nur Platz für 8 Bilder, danach muss man in das mobile Labor, um die Bilder auszuwerten. Weitere Analysen erfolgen dann auch dort. In der ersten Episode gibt es insgesamt vier Locations, an denen es sehr viele Gegenstände und Spuren auszuwerten gilt. Die gefundenen Hinweise werden in einem Ordner, getrennt nach jedem Schauplatz, verwaltet und können dort untereinander verknüpft werden, sofern es Zusammenhänge bei den Spuren gibt. Danach wiederholt sich der Vorgang im Prinzip, man macht also weitere 8 Bilder am Schauplatz mit seiner Kamera, kehrt wieder zum mobilen Labor zurück und wertet diese aus. Abhängig davon, welche Beweise und Verknüpfungen man bereits gefunden hat, wird die Geschichte Stück für Stück weiter vorangetrieben. Hat man einen Schauplatz erledigt, wird der nächste freigeschalten. Adventuretypische Herausforderungen wie Inventar und Rätsel fehlen, trotzdem fühlt man sich durch seine Aufgaben und den permanenten Austausch mit James Burton und seinem Kollegen im Labor durchaus als Teil des Geschehens. Die Story selber ist zwar grundsätzlich interessant und gut erzählt, aber nicht unbedingt fesselnd, wodurch man seine Aufgaben einfach abarbeitet und so irgendwann die Auflösung des Falles erspielt. Durch seinen starken Casual-Game-Einfluss bietet die erste Episode zudem praktisch keine Herausforderungen für den Spieler und innerhalb von höchstens 3 Stunden hat man sich durch den Fall geklickt.

Grafik, Sound und Sprachausgabe

Es ist sehr erfreulich, wieder einmal ein FMV-Adventure auf dem Markt zu sehen, welches zudem hinsichtlich der Videos hervorragend umgesetzt wurde. Die Schauspieler an den realen Schauplätzen sind alle überzeugend besetzt und auch bildtechnisch wurde die Atmosphäre der verschiedenen Orte sehr gut wiedergegeben. Deutlich empfindet man etwa den Unterschied zwischen der Villa einer wohlhabenden Familie und einem heruntergekommenen Industriegelände. Manche der Videos nehmen fest den ganzen Bildschirm ein, aber es gibt auch Sequenzen, die in etwas kleineren Fenstern dargestellt werden. Dafür kann man in diesen Fenstern dann selber über die Maus den Blickwinkel der Kamera leicht verändern, was einen irgendwie noch etwas näher an das Spielgeschehen rücken lässt. Auch die fotorealistische Grafik an den Schauplätzen mit flüssiger 360° Rundumsicht wurde mittels der eigens entwickelten Areograph-Technik eindrucksvoll umgesetzt. Störend ist nur, dass die Schauplätze dadurch sehr statisch erscheinen.

Die Charaktere sprechen eigentlich ein sehr gut verständliches Englisch und wer sprachlich nicht ganz sattelfest ist, kann sich zusätzlich auch die optionalen Untertitel einblenden. Lediglich die Lautstärke der Stimmen ist an manchen Stellen etwas zu niedrig und dadurch kann man das eine oder andere Wort am Satzanfang verpassen, aber im Kontext sollte man alles einwandfrei verstehen können. Die Loops mit den Hintergrundgeräuschen sind stimmig und passen zu den Locations. Lediglich bei der Musik könnte man sich etwas mehr Musikstücke wünschen, besonders weil die wenige vorhandene Musik gut gefällt.

Gameplay

Neben der nicht besonders fesselnden Story ist das Gameplay der wunde Punkt des Spieles, zumindest der ersten Episode. Gesteuert wird aus der 1st-Person-Perspektive und es gibt nur zwei grundlegende Tätigkeiten, nämlich das Aufnehmen der Spuren mit seiner Kamera und später das Analysieren der gefundenen Hinweise. Dazu pendelt man praktisch immer zwischen dem jeweiligen Schauplatz und dem mobilen Labor, welches sich ein einem Kleintransporter vor dem jeweiligen Gebäude befindet.

Nach dem Intro des Spiels befindet man sich gleich an der ersten Location, dem Kinderzimmer der entführten Kinder. Dort sollen mittels Kamera die ersten Spuren aufgenommen werden. Das Spiel bietet ein automatisches Tutorial, welches den Spieler durch die ersten Minuten des Spieles führt, was sehr effizient funktioniert. Später kann man jederzeit über die F1-Taste Hilfe zur aktuellen Aufgabe aufrufen. Innerhalb der Locations kann man sich entweder mit reiner Maussteuerung oder alternativ zusätzlich mit Tastatursteuerung (WASD) umsehen. Sobald man etwas von Interesse gefunden hat, wird die Kamera aktiviert und über den Sucher mit Zoomfunktion wird das Objekt bzw. die Spur angepeilt. Dabei muss beachtet werden, dass man sich nicht zu nahe und auch nicht zu weit entfernt befindet, sonst sind manche Spuren erst gar nicht sichtbar oder die Aufnahme ist unbrauchbar und wird verworfen. Dadurch ist man dazu angehalten, sich innerhalb des jeweiligen Raumes zu bewegen und ihn aus verschiedenen Perspektiven zu durchsuchen. Wenn man alles sorgfältig durchsucht hat, aber trotzdem nicht mehr weiterkommt, kann man die sogenannte Intuitions-Taste (I) drücken, die einem hilft, eventuell übersehene Spuren oder Objekte zu lokalisieren. Hat man 8 Bilder mit der Kamera geschossen, ist diese leider auch schon wieder voll und man muss zwangsläufig in das mobile Labor, um die Bilder auf den Computer zu übertragen und dort auszuwerten.

Zum Auswerten der Bilder werden diese der Reihe nach im Computer gesichtet, wobei unwichtige Bilder automatisch vernichtet werden. Alle relevanten Bilder können dann weiter analysiert werden, wozu ein paar kleine Minispiele zum Einsatz kommen. Beispielsweise müssen DNA-Stränge separiert, eine chemische Probe erhitzt, Fingerabdrücke ausgewertet oder eine Zentrifuge gedreht werden. Alle diese Tätigkeiten sind sehr einfach, laufen immer nach dem gleichen Schema ab und wiederholen sich häufig. Dadurch fehlen sowohl die Abwechslung als auch die Herausforderung für den Spieler. Nach abgeschlossener Analyse werden die erhaltenen Fakten in Form von Bildern auf einen Stapel übertragen. Von dort können die Bilder dann einzeln in das Ermittlungsbuch gezogen und dort frei arrangiert werden. Dazu gibt es für jeden Schauplatz eine eigene Seite und zusätzlich ein Blatt für alle Beteiligten bzw. Verdächtigen. Leider bietet das Buch aber nicht ausreichend Platz, sodass man die Bilder nicht wirklich sinnvoll gruppieren kann. Gesammelte Spuren, die eine mögliche Verbindung zu anderen Hinweisen haben, werden durch ein Ketten-Symbol gekennzeichnet. Bringt man zwei solche Hinweise übereinander, wird die Verbindung automatisch hergestellt. Da es immer nur 2-3 Möglichkeiten gibt, kommt hier die Trial&Error-Methode zum Einsatz, wodurch auch diese Tätigkeit keine Herausforderung darstellt. Leider hat sich an dieser Stelle auch ein Fehler im Spiel eingeschlichen, der fast ein eine Sackgasse führte. An einem Schauplatz gab es mehr Beweise zu sammeln, als im Ermittlungsbuch Platz fanden. Dadurch konnte man das letzte aufgenommene Bild nicht mehr in das Buch übertragen und somit keine Verbindung zu den anderen Beweisen herstellen, wodurch in Folge die Handlung nicht mehr weiterging. Mehr durch Zufall habe ich dann zwei Bilder an einer bestimmten Stelle im Buch übereinander gelegt (ist aber so nicht im Spiel vorgesehen) und dadurch einen freien Platz für meine letzte Aufnahme erhalten. Das Problem wurde an die Entwickler gemeldet und sollte auch bereits behoben sein.

Um den Überblick über den aktuellen Ermittlungsstand zu behalten, kann man über die Leertaste ein Logbuch aufrufen. Dort sieht man die bisherigen Videoclips mit Zeugen und Verdächtigen, eine Karte der Locations und die noch ausstehenden Beweise. Die Aufgaben sind halbwegs klar dargestellt und man gezielt nach den jeweiligen Spuren suchen. Man muss sich dabei auch keine großartigen Gedanken machen, da man eigentlich keine Fehler machen kann. Erst wenn man alle relevanten Beweise gefunden und ausgewertet hat, geht es in der Handlung weiter. Aus diesem Grund gibt es wohl auch keine separate Speicherfunktion. Es wird automatisch immer der letzte Ermittlungsstand im Profil abgespeichert. Das hat jedoch den Nachteil, dass man nicht gezielt an bestimmte Stellen im Spiel zurückspringen kann, was angesichts des relativ kleinen Umfangs des Spieles aber kein Beinbruch ist.

Zusammenfassung

Die erste Episode der Casebook-Reihe gibt bereits einen guten Vorgeschmack, was mit diesem neuen Konzept eines Casual-FMV-Adventures möglich ist. Allerdings wurde das Potential bei Weitem noch nicht ausgeschöpft. Die Handlung des Falles ist sicherlich interessant, aber richtige Spannung mag leider keine aufkommen. Zudem gestaltet sich das Gameplay sehr eintönig und es gibt kaum Herausforderungen für den Spieler, man klickt sich also einfach durch, bis alle Aufgaben erledigt sind und die Handlung weitergeht. Leider bin ich durch einen Fehler im Spiel auch fast in eine Sackgasse geraten, aus der ich mehr durch Zufall wieder entkam. Richtig glänzen kann das Spiel hingegen mit seinen hervorragend gemachten FMV-Sequenzen, von denen es hoffentlich in den folgenden Episoden noch wesentlich mehr zu bewundern geben wird. Die Darsteller sind durchwegs gut besetzt und auch die realen Schauplätze der Handlung wurden sehr ansprechend gestaltet. Soundtechnisch ist das Spiel zufriedenstellend, aber mehr auch nicht, da insbesondere mit Musikstücken sehr sparsam umgegangen wurde. Die englischen Sprachausgaben sind sehr gut verständlich und zusätzlich hat man die Möglichkeit, sich Untertitel einblenden zu lassen. Bei einer Spieldauer von knapp 3 Stunden mit wenig Herausforderungen und eintönigem Gameplay, ist die erste Episode von Casebook sicher kein Überraschungshit, allerdings zeigt sich ein gutes Konzept für eine interessanten Reihe, wenn es den Entwicklern gelingt, in den folgenden Episoden mehr Spannung in die Fälle zu bringen und dem Spieler etwas mehr Abwechslung und Herausforderung zu bieten. Der Trailer für die nächste Episode „The Watcher“ stimmt hier zuversichtlich.

English Summary

The first episode of the Casebook series already provides a quite good impression of the possibilities with that new concept, combining a FMV adventure and casual game elements. Unfortunately the developers could not tap the full potential of that concept already for the first episode. The story surely is interesting, however not thrilling enough to get the player really immersed to it. However, the main flaw of the first episode is the rather monotonous gameplay and the lack of challenging tasks for the player. In fact it feels more like clicking through the game in order to let the story continue. Another weak point was a bug I faced in the game, which almost felt like a dead end. The developers were informed and I guess that issue meanwhile was solved already. The highlights of the game without any doubt are the high quality full motion video (FMV) sequences, which I wish to see more of in the coming episodes. The actors were doing a good job and the real film locations are well chosen and nicely decorated. As for the filming and editing, the individual touch of each location was well captured. Having a look into the sound department, the environment sound loops do match the locations, just some more musical themes would be desirable in the game. The English spoken in the game is easy to be understood, even without being a native speaker. Additionally there is the option to have English subtitles displayed in the game for better understanding. The gameplay lasts for about 3 hours, before having the first case solved, unfortunately without any major challenge for the player as mentioned before. Therefore the first episode of Casebook is no adventure highlight, however I consider that new concept a promising approach. If the developers succeed in giving the cases more depth in storytelling plus having the player more involved and challenged in terms of gameplay, this might be the start of a remarkable adventure game series.

Spiel-Datenblatt / Game-Datasheet

Entwickler/Developer Areo Cinematic Games
Game Homepage
Casebook
Plattform/Platform PC (DOWNLOAD)
Perspektive/Perspective
1st-Person
Steuerung/Control Point&Click
Altersfreigabe/Rating  
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